Logo der EKD

Grußworte

zurück

Grußwort des Schirmherrn des Forums 5 "evangelisch.de"

Henryk M. Broder, Publizist

Apostel im Chatroom

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

ich danke Ihnen, dass Sie mir die Gelegenheit geben, zu Ihnen zu sprechen. Da das Beamen leider noch nicht erfunden wurde, bin ich nicht in der Lage, leibhaftig vor Ihnen zu erscheinen. Das macht mir die Sache einfacher, vor allem deswegen, weil ich nicht mit Zwischenrufen  rechnen muss.

Sie sind auf einer Reise durch das Web 2.0. Zu Ihnen spricht ein Internet-Junkie. Ich gehe ohne meinen Mac nicht ins Cafe, ich verreise nicht ohne meinen Laptop, und die Wahl des Hotels mache ich davon abhängig, ob es drahtlosen Zugang zum Internet bietet. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Internet für mich erfunden wurde. 

Ich bin von der Möglichkeit fasziniert, Raum und Zeit zu überschreiten, in einem Cafe in Boston, unter einem Gletscher auf Island oder einer Hotel-Lobby in Ljubljana zu sitzen und zu schreiben, ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen, wie das Geschriebene zum Leser, zum Empfänger kommt. Meine 21 Jahre alte Tochter hat keine Vorstellung, wie man ohne Handy, ohne Email und ohne Computer leben konnte. Ich dagegen kann mich noch gut daran erinnern, wie mühsam es in den 50er Jahren war, ein "Ferngespräch" von Kattowitz nach Krakau zu organisieren, dass man das Fernamt bemühen und stundenlang warten musste, bis es zustande kam, um nach wenigen Sekunden zu kollabieren.

Ich kann mich auch noch gut erinnern, wie es in den 80er Jahren war, als ich in Jerusalem lebte und von dort für deutsche Zeitungen schrieb. Ich musste mit meinen Manuskripen zum Telegrafenamt, wo sie von Hand in eine Telexmaschine eingegeben wurden, dann raste ich nach Hause und wartete auf den erlösenden Anruf, dass der Text angekommen war. Oder auch nicht. In diesem Fall musste ich wieder zum Telegrafenamt. Unter solchen Umständen zu arbeiten, war  spannend aber auch mühsam und zeitraubend.

Das alles ist gerade 20 Jahre her. Wir wissen, was sich alles in den letzten 20 Jahren geändert hat, dennoch können wir es uns nicht vorstellen, was sich in den kommenden 20 Jahren ändern wird.

Sicher ist nur, dass sich viel ändern wird. Vor allem unsere Art, miteinander zu kommunizieren.

Das Feuer und das Rad sind Entdeckungen bzw. Erfindungen, denen die Menschheit so gut wie alles verdankt, vom römischen Kampfwagen bis zum VW Golf, vom Spanferkel bis zur Mikrowelle. Ohne die Erfindung der Null gäbe es kein Dezimalsystem und keine Digitaltechnik. Kopernikus,  Kepler und Galileo haben die Erde auf die richtige Umlaufbahn gebracht, Einstein hat mit der Relativitäts-theorie das Verhältnis von Raum und Zeit neu geordnet. Zwischen den ersten Flugversuchen der Gebrüder Wright und ersten Mondlandung vergingen nur 66 Jahre. Die Sensationen von gestern sind die Selbstverständlichkeiten von heute und die Antiquitäten von morgen.
Und jetzt das Internet, die wichtigste Erfindung seit Gutenberg ein Verfahren zur Herstellung von Büchern mit beweglichen Lettern erfunden und damit deren massenhafte Herstellung und Verbreitung  ermöglicht hat. Ohne Gutenberg kein Luther, aber auch kein Kant, kein Hegel, kein Marx, kein Spinoza, kein Rousseau, kein Freud und kein Johannes Mario Simmel. Statt Web 2.0 zu sagen, könnten wir auch Gutenberg 2.0 sagen, denn das Internet revolutioniert die Verbreitung von Informationen und Wissen noch stärker als Gutenberg es getan hat.

Buchdruck und Internet haben vieles gemeinsam. Beide Erfindungen sind Hohlkörper, die mit Inhalt gefüllt werden müssen. So wie Sie ein Messer dazu benutzen können, Brot zu schneiden oder ihren Nachbarn umzubringen, so sind auch Bücher und das Internet nur Werkzeuge, die erst in der Hand ihrer Benutzer zu etwas Gutem oder etwas Schlechtem mutieren.

Man kann Hitlers "Mein Kampf" auf derselben Maschine drucken wie das Grundgesetzt der Bundesrepublik; die Rassentheorie von Arthur de Gobineau kommt aus demselben Satzkasten wie Henry David Thoreaus Streitschrift "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat".

So verhält es sich auch mit dem Internet. Es wird von iranischen und chinesischen Bürgerrechtlern ebenso benutzt wie von pädophilen Bildersammlern und Drogenhändlern.

Brauchten Verschwörungstheorien wie die "Protokolle der Weisen von Zion" früher Jahre, um sich zu verbreiten, dauert es heute nur wenige Minuten, bis die Welt erfährt, dass die Anschläge von 9/11 vom CIA in Zusammenarbeit mit dem Mossad inszeniert wurden, um der arabischen Sache einen Schaden zuzufügen.

Mindestens 90% der Inhalte, die im Internet verbreitet werden, sind Abfall, Dreck und Schrott. Dass praktisch jeder, der einen Computer bedienen kann, auch Zugang zum Internet hat, ist Segen und Fluch zugleich. Nicht nur Fundamentalisten und Terroristen verbreiten ihre Mitteilungen über das Internet, statt sich der Flaschenpost zu bedienen, das world wide web ist Tummelplatz von Irren, Soziopathen, Stalkern und Bruchpiloten. Früher haben sie Leser- und Beschwerdebriefe geschrieben, heute machen sie sich im Netz breit. Man kann dagegen nichts machen, es sei denn, man fordert die Einführung einer Zensurbehörde, was in jedem Fall noch schlimmer wäre als der Wildwuchs, mit dem wir es heute zu tun haben.

Es ist gut, dass es das Internet früher nicht gegeben hat. Hätte Jesus schon eine Homepage gehabt, wären die Apostel nicht zum Abendmahl zusammen gekommen, sie hätten sich in einem Chatroom getroffen.

Es ist gut, dass es das Internet heute gibt. Was daraus wird, hängt von uns ab, den Kindern von Gutenberg und Luther, Moses Mendelssohn und Hannah Arendt, Erasmus von Rotterdam und Adam Smith, Theodor Herzl und Heinrich Heine, Mark Twain und Halldor Laxness. In diesem Sinne wünsche ich Ihrer Zukunftswerkstatt ein gutes

Gelingen und  - Gottes Segen.

Henryk M. Broder

Projekt des Monats
Kia_Logo_PdM
Jetzt Projekt vorschlagen

Sie haben etwas erlebt oder selbst etwas gestaltet, das Teil unserer Sammlung sein sollte? Dann lesen Sie bitte hier weiter und geben Sie uns einen Hinweis.

EKD-Logo
Evangelische Kirche in Deutschland
Copyright © 2012 Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) | Datenschutz | Impressum
Publikationsdatum dieser Seite: Freitag, 2. März 2012 10:40