Grußworte
Filme der Grußworte
Grußwort des Schirmherrn des Forums 6 "Evangelische Verantwortungseliten - eine Herausforderung"
Prof. Dr. Paul Nolte, Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin
Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn irgendwo das Gespräch auf das Thema ,Eliten' kommt, kann man beinahe fest damit rechnen, dass ein Satz von Theodor W. Adorno zitiert wird:
"Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man sich als solche fühlen."
Dass dieses Zitat so beliebt ist, wundert mich nicht. Bringt es doch einen heimlichen, breiten Konsens in unserem Land auf den Punkt: Zum einen das Wissen darum, dass es so etwas gibt, wie es der Begriff ,Elite' zu beschreiben versucht, nämlich Menschen, die eine herausgehobene Stellung in der Gesellschaft innehaben: sei es in ihrem politischen Einfluss oder in ihrer wirtschaftlichen Macht, oder in ihrer geistigen Orientierungsfunktion. Sie haben diese Stellung oft aufgrund ihrer persönlichen Leistung, ihrer Bildung, ihrer besonderen Talente - oft aber auch aus Gründen, zu denen ihre eigene Leistung nur teilweise beigetragen hat.
Doch schon das Eingeständnis, dass es diese Ungleichheit gibt, vielleicht sogar sinnvollerweise gibt, kommt nur mit innerem Widerstand über die Lippen.
Sich selbst zur Elite zu zählen oder gar zu versuchen, bewusst die Rolle der Elite anzunehmen und auszufüllen - darüber liegt noch immer ein Tabu, das zwar sympathisch ist in seiner Bescheidenheit, aber auch ein wenig die geringe Selbstverständlichkeit spiegelt, mit der wir uns den Fragen der guten Führung eines modernen Gemeinwesens stellen.
"Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man sich als solche fühlen."
Ob Adorno wohl mit Absicht das "in Gottes Namen" formuliert hat? Nehmen wir es jedenfalls einmal so: Dürfen wir "in Gottes Namen" Elite sein?
Sie haben sich vielleicht mit ähnlich ambivalenten Gefühlen für das Forum ,Evangelische Verantwortungseliten' entschieden. Aber sie haben sich für dieses Thema entschieden.
Damit sind Sie Teil eines Aufbruches, einer Neuorientierung im internen Verständigungsprozess der evangelischen Kirche. Anders als die katholische Schwesterkirche haben wir es uns lange schwer gemacht, die gesellschaftlichen Eliten als ein eigenes Thema und Arbeitsfeld zu benennen, frei nach Adorno: ,Eliten mag es ja geben - auch in der Kirche, aber niemals darf man sie - um Gottes Willen -als solche bezeichnen und behandeln.'
Ich möchte sie dazu ermutigen, die Frage nach dem Kontakt der evangelischen Kirche zu den Eliten frei und offenherzig anzugehen.
Als Historiker und Sozialwissenschaftler wage ich auf Ihrer Zukunftswerkstatt die Prognose: das Thema Elite ist nicht altbackene Vergangenheit, sondern wird uns um so mehr beschäftigen, als die Bearbeitung und Lösung von Zukunftsfragen nur mit Menschen gelingen wird, die zweierlei besitzen: eine hohe Fach- und Sachkompetenz, und ein Gespür für Ihre Verantwortung für das gemeinsame Wohl aller.
Dazu braucht es Orte der Bildung von intellektueller Kompetenz und Exzellenz - und Orte der Bildung von so etwas wie Kompetenz und Exzellenz der Verantwortung.
Für eine solche Verantwortungs-Exzellenz brauchen die Eliten die Kirchen: Eliten, die sich von religiöser und moralischer Kompetenz frei wissen, sind für die Herausforderungen und Entscheidungen unserer Zukunft weniger gut gewappnet.
Und die Kirchen brauchen den Kontakt zu den Eliten: Nicht, um sich mit ihnen auf Kosten anderer, schwächerer Teile der Gesellschaft gemein zu machen. Sondern nicht zuletzt deshalb, weil sie die Eliten in die Verantwortung für die ganze Gesellschaft ziehen sollten.
Der Brückenschlag zwischen Kirche und Eliten ist mir deshalb ein wichtiges Anliegen.
Sehr gerne habe ich an der Ad-hoc-Kommission des Rates mitgewirkt, die sich im letzten Jahr konzeptionelle Gedanken zum Thema ,Evangelische Verantwortungselite' gemacht hat.
Und mit Spannung sehe ich der neuen Aufgabe entgegen, als Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin einen Ort mitgestalten zu können, an dem die Begegnung und der Austausch zwischen Kirche und Elite zu Hause sein soll.
Darum habe ich auch gerne die Schirmherrschaft für dieses Forum der Kasseler Zukunftswerkstatt übernommen, auch wenn ich leider nicht persönlich an dem Austausch teilnehmen kann.
Ich wünsche Ihnen für den heutigen Nachmittag die Erfahrung, dass es nur ein kleiner Schritt ist heraus aus der Verlegenheit beim Thema ,Elite' hin zu einer hochspannenden Auseinandersetzung um zentrale Fragen unseres Gemeinwesens und der Verankerung der Kirche in der Gesellschaft.
Ich ermuntere Sie: die Auseinandersetzung mit dem Thema Eliten hat gar nichts Elitäres. Und Eliten in der Perspektive "evangelischer Verantwortungseliten" zu sehen - das bedeutet ja gerade: Die Eliten aus den abgesperrten Bezirken, in denen sie sich manchmal gerne bewegen, herauszuholen.
Denn Eliten brauchen Verantwortung - aber Verantwortung braucht auch Eliten.
Ich wünsche dem heutigen Forum produktive und kritische Diskussionen - wir sind auf Ihre Rückmeldungen gespannt.
Herzlichen Dank!

