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Zukunftsideen "Wie kann es weiter gehen." - Referat im Forum 7 "Kirche im Aufbruch - auch weltweit"

Pfarrer Thomas Wipf, Präsident des Rates des Schweizer Evangelischen Kirchenbundes (SEK) und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)

"Kirche im Aufbruch - auch weltweit!"
Dies war schon das Thema der EKD-Partnerkonferenz im Kloster Wennigsen vor einem Jahr. Der Austausch über die kirchlichen Reformprozesse in verschiedenen Ländern war sehr anregend und die damaligen Teilnehmenden waren einhellig der Meinung: "Davon brauchen wir mehr".
Diesen Eindruck habe ich auch nach unserem heutigen Austausch.
In der Auswertung von Wennigsen wurden dann von Bischof Martin Schindehütte drei - wie ich finde - sehr anregende und weiterführende  Ideen  benannt, wie dieser fruchtbare und notwendige Austausch der Reformerfahrungen in den verschiedenen Ländern fortgesetzt werden kann. In dem Dokumentationsband "Kirche im Aufbruch - auch weltweit" ist dazu zu lesen:

1. "Netzwerk ökumenischer Innovationen"
Es sollte eine engere europäische Verzahnung der Reformkräfte geben, eine Art "Netzwerk ökumenischer Innovation". Einen Baustein dafür stellt die intendierte Teilnahme von Multiplikatoren aus den Reformprozessen in den verschiedenen Kirchen an der Zukunftswerkstatt "Kirche im Aufbruch" im Herbst 2009 dar. Wir können im Bereich kirchlicher Innovation noch mehr von und mit einander lernen. Dies braucht flexible und vielfältige Vernetzungen.

Mit dem Forum heute haben wir einen weiteren Schritt zur Einrichtung eines solchen Netzwerkes getan - einen gewiss wichtigen Schritt, aber eben auch nur einen.
Ich stelle mir vor, dass es eine gemeinsame Internet-Plattform geben müsste, auf der die Reformerfahrungen aus den verschiedenen Ländern ausgetauscht werden, auf der man Prozesse zugänglich macht, Projekte vorstellt, gemeinsam Ideen entwickelt.
Die EKD bringt, wie ich gesehen habe, mit dem Projekt PATONGO eine solche Initiative zum Erfahrungsaustausch kirchlicher Praktiker in Deutschland auf den Weg. Zugleich gibt es von Seiten der EKD erste Bemühungen darum, Fördermittel der EU für ein entsprechendes Projekt auf europäischer Ebene zu gewinnen. Als Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE kann ich diese Initiative nur nachdrücklich unterstützen. Doch auch wenn die  Beschaffung  externer Mittel nicht erfolgreich sein sollte, sollten wir hier Personal und Ressourcen investieren.
Das Projekt PATONGO ist  eine Form des standardisierten, medialen Datenaustausches, der wichtige Information zeitnah und leicht anderen zugänglich macht, Best-Practice-Beispiele kommuniziert und zudem die Zusammenarbeit in der Erarbeitung neuer Konzepte und Ideen fördert.

Es ist meine eigene Erfahrung mit den 26 Kirchen, die zum Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK gehören, dass eine frühzeitige gegenseitige Information über Reformprozesse und ein strukturierter Austausch darüber eine immense Qualitätsverbesserung mich sich bringen.

Der Dreischritt
- Welches sind die Herausforderungen bzw. die Probleme und welches Gewicht geben wir der Herausforderung bzw. dem Problem?
- Welche Lösungsansätze gibt es?
- Welche Wege der Umsetzung von Lösungen gibt es?
zeigt meistens folgendes:
- Eine grosse Übereinstimmung bezüglich der konstatierten Herausforderungen bzw. Probleme.
- . es gibt mehr Lösungsansätze, als wir selber herausgefunden haben.
- . und es gibt auch noch ganz andere Wege der Umsetzung von neuen Lösungen

Die zweite in dem Dokumentationsband vorgeschlagene Idee lautet:

2. "Europaweite Kirchenentwicklungsstudie"
Es fehlt auf europäischer wie internationaler ökumenischer Ebene bisher eines konstruktiven Umgangs mit dem "Gelingen und Scheitern kirchlicher Entwicklungen", eine offene, klare und damit auch für andere lehrreiche Erfolgs- und Schadensanalyse. Warum ist etwa die Entwicklung der protestantischen Kirchen in manchen Ländern kritischer verlaufen als in anderen, woran liegt das, was lassen sich aus den Analysen für kirchenpolitisch-strategische Perspektiven entwickeln? Hier liegen nach unserer Einschätzung wichtige Zukunftsaufgaben, die nach einer - etwa von der GEKE verantworteten - "europaweiten Kirchenentwicklungsstudie" rufen. In ihr müssten sich eine offene Fehlerkultur, eine intelligente kirchensoziologische Wahrnehmung und ein kreativer Innovationsgeist mit einander verbinden.

Auch hier gibt es erste Schritte zur Umsetzung. So hat die GEKE die Konsultation "Ecclesia semper reformanda. Ecclesiological reflections in regard to the renewal of the Protestant churches in Europe" initiiert. Etwa 30 junge, ökumenisch interessierte evangelische Theologinnen und Theologen unter 35 Jahren aus vielen Ländern Europas arbeiten an der Frage der ekklesiologischen und theologischen Dimension  der Reformprozesse in den protestantischen Kirchen Europas. In drei Wochen wird die Initiative mit einer ersten gemeinsamen Konferenz der delegierten Theolog/innen auf Schwanenwerder beginnen. Die Ergebnisse der Konsultation sollen bei der nächsten Vollversammlung der GEKE im September 2012 in Florenz vorgestellt und diskutiert werden.

Die in der Dokumentation benannte Idee geht aber noch weiter. Sie regt eine empirische Studie an, welche die  unterschiedliche Entwicklung der protestantischen Kirchen in den einzelnen europäischen Ländern einer vergleichenden Betrachtung unterzieht: Warum hat sich welche Kirche wie entwickelt? Welchen Einfluss hatten darauf kirchenpolitische Entscheidungen, was ist auf länderspezifische soziale und kulturelle Gegebenheiten zurück zu führen? Welche Folgerungen lassen sich daraus für kirchenleitende Strategien etwa im Blick auf konfessionelle Profilierung, missionarisches Engagement oder gesellschaftliche Einbindung von Kirche ziehen?
Solch eine Studie wäre höchst relevant für kirchliche Entscheidungsfindungsprozesse. Viele der Daten dafür liegen unausgewertet in kirchlichen Rechenzentren und Statistikabteilungen.

Wir würden uns als GEKE freuen, wenn etwa die EKD - auch in Tradition ihrer vier großen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen - hier eine initiative Rolle einnehmen könnte. Von unserer Seite aus würden wir dies in jedem Falle sehr begrüßen und tatkräftig unterstützen.

Ich darf bei dieser Gelegenheit als Beispiel auf eine Arbeit hinweisen, die im Rahmen eines Reformprozesses im SEK erarbeitet worden ist:
"Die Zukunft der Reformierten - Eine Analyse der gesellschaftlichen Megatrends und ihrer Effekte auf den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und seine Mitgliedkirchen".


Die dritte Idee:
c) "Gemeinsame Zukunftswerkstatt auf dem Weg nach 2017"
Das Reformationsjubiläum 2017 ist eine große und gemeinsame Chance und Verantwortung für alle Kirchen der protestantischen Tradition. Eine ökumenische Aufgabe könnte es dabei sein, etwa im Rahmen der Lutherdekade einen "Zukunftskongress der Reformationskirchen" im Jahre 2012 zu veranstalten, in der die Innovationen, missionarischen Aufbrüche und reformerischen Initiativen miteinander diskutiert und vernetzt werden. Damit würde zugleich die internationale Dimension der Lutherdekade deutlich. Neben einer solchen Großveranstaltung sollten zudem regelmäßig kleinere Werkstätten, Ideenpools und "grüne Wiesen" für die Entfaltung gemeinsamer ökumenischer Perspektiven und Innovationen veranstaltet und institutionalisiert werden.

Diese Idee ist in der Zwischenzeit schon weiter entwickelt worden - immer noch als Idee und Absicht.
Die GEKE plant, im Kontext ihrer Vollversammlung im Jahr 2012 in Florenz
das Thema "Kirche im Aufbruch" - Zukunft der protestantischen Kirchen" zu einem wichtigen inhaltlichen Bestandteil der europäisch-protestantischen Versammlung zu machen.

Wie dies genau aussehen wird, ist zurzeit noch offen und wir freuen uns, Impulse aus der Veranstaltung hier in Kassel mitnehmen zu können.
 
Wir sind der EKD und ihren Verantwortlichen sehr dankbar für die Initiative, den europäischen und weltweiten Aspekt der "Kirche im Aufbruch" in diese faszinierende Zukunftswerkstatt 2009 aufzunehmen.

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Publikationsdatum dieser Seite: Freitag, 2. März 2012 10:38