Vorträge
Re-Aktion auf den Eröffnungsvortrag
Peter Schmid-Scheibler
Ja, es ist für einen Schweizer eine ganz besondere Herausforderung, in zwei bis drei Minuten etwas Wesentliches zu sagen. Wir Schweizer sprechen langsamer, denken bedächtiger; ich gebe mir alle Mühe in dieser Zeit, die mir zur Verfügung steht, über die Anrede hinaus zu gelangen, und sage: Liebe Geschwister, beim aufmerksamen Zuhören ist Ihnen und mir vielleicht ein kleines Sätzlein aufgefallen. Auch wer nicht reformiert, gestaltet - und ich füge bei, auch wer reformiert ist, gestaltet mit. Und deshalb bin ich so gerne zu Ihnen hier nach Kassel gekommen. Die drei mentalen Gefangenschaften sind mir ganz deutlich in Erinnerung hängen geblieben. Ich äußere mich nur zu einer der mentalen Gefangenschaften, nämlich der Gefangenschaft im eigenen Milieu.
Ich stimme dieser These zu, ja, ich verstärke sie, weil ich dazu fügen möchte, dass wir uns ja auch in unserem eigenen Milieu zusätzlich noch in einer Art von Milieu-Inkongruenz befinden. Darauf weist eine Studie, die in der Schweiz hergestellt wurde, im Kanton Graubünden, mit Deutlichkeit hin. Dort steht zu lesen, dass Pfarrpersonen, Sozialdiakoninnen und -diakone sich in wichtigen Punkten von den Mitgliedern und den Präsidentinnen und Präsidenten unterscheiden. Sie lesen häufiger Bücher, bevorzugen künstlerische Tätigkeiten, haben weniger häufig Besuch von Freunden und Familie, treiben weniger Sport, lieben Heimwerken und Gartenarbeit markant weniger als die Mitglieder. Sie gehen weniger tanzen als ihre Präsidentinnen und Präsidenten.
Der Verfasser der Studie fasst zusammen: Für Pfarrpersonen entsteht das Bild einer etwas zurückgezogenen, sich geistigen und musischen Tätigkeiten hingebenden Existenz, während draußen der Pfarrhausgarten verwildert.
Ja, das ist ein Befund aus der fernen Schweiz, aus dem Kanton Graubünden. Aber bevor sie sich herzlich darüber freuen, rufe ich ihnen in Erinnerung, dass die Dichte von deutschen Theologinnen und Theologen in Graubünden außerordentlich hoch ist. Aber es geht noch um etwas anderes. Ich glaube, dass für die Zukunft der Kirche die Erkenntnis, dass die Lebensstilmilieus an Bedeutung gewinnen, von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Es ist ja so, dass unsere Füße auf weitem Grund stehen. Aber dieser Grund meint nicht mehr das Territorialprinzip. Wir haben zunehmend Mühe, unsere Kirche vorgegebenen Territorien entlang zu organisieren, weil sich die Menschen eben nicht mehr den Territorien entlang entwickeln und bewegen. Und diese Lebensstilmilieus, diese neuen Gruppierungen, prägen das Bild unserer Gesellschaft innerhalb und außerhalb der Kirche. Sie sind auch Räume einer neuen Ernsthaftigkeit. Es gibt dort auch viel Verbindlichkeit und dort findet sich oft, beileibe nicht immer, auch Religion, christlicher evangelischer Glaube.
Das ist nicht dasselbe wie die »Verwohnzimmerung des Protestantismus«, ein Ausdruck den ich ja hier kennengelernt habe. Das meint es nicht. Ich meine aber, ohne die Privatisierungskritik des Ratsvorsitzenden relativieren zu wollen, als letzten Punkt, es wird auch im kirchlichen Bereich eine neue Durchdringung von Privatheit und Öffentlichkeit geben. Wir legen Wert darauf, dass unsere Gottesdienste öffentlich sind. Mit gutem Recht. Aber wie verhält es sich dann eigentlich so? Hand aufs Herz, wie sieht die Alltags- und die Sonntagswirklichkeit aus? Ist es nicht so, dass die sogenannte Kerngemeinde - wie wohl öffentlich gemeint - sehr oft zum internen Anlass einer überschaubaren, nahezu privaten Gruppe geworden ist, während die Spontangemeinden an alternativen Orten - sei dies an Bahnhöfen, Flughäfen, altweiden Kraftorten in Parken oder privaten Gärten - eigentlich der Privatinitiative entspringt, aber sehr oft in Tat und Wahrheit öffentlich, öffentlicher sind, als vieles, was wir als Reaktion auf die öffentliche Einladung hie und da bei uns registrieren müssen. Und die entscheidende Frage ist nun: Wie organisiert sich das dann und wie schaffen wir die Übergänge? Darauf weiß ich ja keine Antwort, deshalb bin ich ja auch hier an diese Zukunftswerkstatt gekommen.

